Gottesdienst in Erpfingen für alle aus Sonnenbühl

2 Tim 1, 6-12

Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände. 7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium, 11 für das ich eingesetzt bin als Prediger und Apostel und Lehrer. 12 Aus diesem Grund leide ich dies alles; aber ich schäme mich dessen nicht; denn ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiss, dass er bewahren kann, was mir anvertraut ist, bis an jenen Tag.


Liebe Gemeinde,


erinnern Sie sich noch an das Osterfest 2020? Kein Gottesdienst war möglich. Kein Osterlob war zu hören. Keine Osterkerze wurde in den Kirchen entzündet. Auf den Friedhöfen spielten keine Bläserchöre. Besuche bei Verwandten unterblieben. Depression und Ungewissheit lagen auf den Gemeinden. Aber es war in Widerstand da. Hier und dort regte sich etwas, wie Löwenzahn unter der Asphaltdecke. Man stolperte über eine Kreideschrift auf dem Gehweg: Jesus lebt! ER ist auferstanden! In Fenstern waren Botschaften des Lebens zu lesen.

Oder man konnte in manchen Straßen die Bewohner hören mit einem Osterchoral, den sie vor der Haustür miteinander gesungen haben. Osteraltäre und Osterwege wurden aufgebaut. In Rundfunk und Internet konnte man Gottesdienste in leeren Kirchen miterleben.

Den 12. April 2020 werden wir nicht vergessen. Dieses stille Ostern ging mir an die Nieren.


Grade jetzt! Genau in dieser Situation! Hier wäre es so wichtig gewesen, die Botschaft laut hörbar hinauszuposaunen: Fürchtet euch nicht! Friede sei mit euch! Ich lebe – und ihr sollt auch leben.

An den Himmel hätte ich es gerne in großen Lettern gemalt, das Wort unseres Herrn: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben auch wenn er stirbt.


Heute hören wir dieses Wort wieder. Und inzwischen wissen wir mehr über diese Viruserkrankung. Wir werden mit ihr leben müssen, wie wir mit anderen Viruserkrankungen schon lange leben. Viele sind schon immunisiert, zeigen keine Symptome oder nur ganz schwache. Risikogruppen sind zu schützen. Und unsere Ärzte und Krankenhäuser sind vorbereitet. Wer möchte, kann sich impfen lassen, wenn denn ein geeigneter Impfstoff entwickelt sein wird.


Wir werden feststellen, - wieder einmal, dass wir unser Leben hier im Schatten des Todes verbringen. Dass wir sterblich sind und bleiben. Vor und nach Corona. Wir können unser Leben nicht sichern gegen den Tod. Kein Arzt, keine Regierung, kein Medikament kann das. Und für viele waren diese Monate lehrreich. Auch ich selbst hatte mich vorher nicht damit beschäftigt, wie viele Menschen pro Jahr bei uns sterben. Jedes Jahr. Und an welchen Ursachen. Corona reiht sich hier eher unauffällig ein als eine weitere mögliche Todesursache.


Im Horizont des Todes leben und glauben wir. Das ist uns allen klarer nach Ostern 2020. Paulus stand unmittelbar vor seinem Tod. Er lag in Rom in Ketten. Sein Prozess war angelaufen. Das Todesurteil lag nahe. Viele halten diesen Brief für seinen letzten.


Was Paulus in dieser Lage seinem Mitarbeiter sagt, hören auch wir mit großen Ohren und hungrigen Herzen:


Fürchte dich nicht! Verzage nicht! Sei nüchtern und gefasst. Lebe ein Leben in der Liebe. Ein Leben das sich verschenken kann. Denn wer sein Leben zurückbehalten will, wer es festhalten will, der verliert es. Wer es aber weggibt, der wird es bewahren.


Erwecke diesen Geist Jesu Christi in dir neu! Ein Leben, das nicht in Liebe weggeschenkt wird, ist ein verlorenes Leben!

Das Erste: Geist der Liebe.


Erwecke den Geist der Kraft! Kraft und Mut zum Handeln. Aber auch Kraft und Mut zum Leiden. Das meint Paulus hier. „Leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“ Eine Situation, die wir lange nicht mehr hatten. Wir im Westen, jedenfalls. Dass wir leiden für das Evangelium. Dass es nicht eine Krankheit ist, die alle befallen kann, sondern dass wir Christen wegen unseres Glaubens leiden und bedroht sind. Paulus sagt dem jungen Timotheus: lass dich nicht abschrecken von meiner Situation, meiner Not und Gefangenschaft. Predige das Evangelium mutig! Sag es! Bezeuge es! Denn darin ist die Überwindung des Todes unsere Möglichkeit. Ja, der Tod ist überwunden. Durch die Auferstehung Jesu Christi. Der Tod ist tot! Seine Macht ist gebrochen. Er ist nur noch ein Schreckbild seiner selbst. Wer durch Taufe und Glaube verbunden ist mit Jesus Christus, der wird auferstehen. Wer mit Christus geht, auch durch das Leid, der wird mit ihm in die Herrlichkeit gehen. Wird Teil haben an diesem unvergänglichen Wesen. Am Leben, das den Tod hinter sich gelassen hat in jeder erdenklichen Weise.


Hier spricht Paulus die uralte Sehnsucht der Menschheit an: das vergängliche Wesen abzulegen. Das Rätsel unseres Sterben-Müssens zu lösen. Paulus holt weit aus: vor der Zeit der Welt war es bei Gott beschlossen, dass er den Menschen ewiges Leben schenken möchte: aus Gnade. Aus Gnade! Durch den Glauben an Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Dieser Ratschluss Gottes ist nun offenbar, seit Jesus über diese Erde ging. Darum: sagt es allen Menschen: in Christus steht uns das Tor des Lebens offen. Gott hat es hier für uns aufgetan. Nur hier!


Und das Dritte: Besonnenheit. Wir würden sagen: die Reife, dass ein Mensch seine Gefühle und Bedürfnisse unter Kontrolle hat. Eine Nüchternheit gepaart mit Vertrauen: Gott weiß, was ich brauche. ER kümmert sich um mich. Ich bin in seiner Hand. Besonnenheit meint, dass ich mein Tun und Lassen steuern kann aus meinen Grundüberzeugungen heraus und nicht Launen und Gefühlen folge. Auch keiner übertriebenen Begeisterung. Besonnen. Das Leiden sollen wir nicht suchen. Aber wir sollen damit rechnen, damit es uns nicht aus den Schuhen haut, wenn es kommt.


Einmalig! Unersetzlich! Notwendig! Das ist das Evangelium von der Überwindung des Todes. Systemrelevant? Für unsere Gesellschaft vielleicht nicht. Aber Kirche Christi ist Himmelreichsrelevant. Unser Politeuma, unser Bürgerrecht ist im Himmel. Das schenkt uns Gott aus Gnaden, durch unseren Glauben, dass an jenem Kreuze der Gottessohn den Lohn meiner und deiner Sünde getragen hat. Und dass sein Opfer der Liebe vor Gott gilt. Weil er auferweckt worden ist und lebt.


Ostern klebt nicht an einem Termin im April. Aber es klebt an dem Mann von Golgatha. Wir sind gerufen zu einem österlichen Leben in der Liebe, die den Mut hat sich zu verschenken; in der Kraft, auch Leiden zu tragen und in der Besonnenheit, die frei macht. Wovon reden wir in diesen Zeiten miteinander? Von Infektionszahlen? Von der Hoffnung, es werde wieder so wie vorher? Oder von dem Evangelium der Gnade, unserer Hoffnung auf unvergängliches Leben?! Das Evangelium gilt allen Menschen. Fürchtet euch nicht. Friede sei mit euch. Ich lebe – und ihr sollt auch leben. Amen.