Gottesdienst am 28.6.2020 in Willmandingen (Pfr. Grauer)

 

Predigttext: Micha 7, 18-20

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.



Liebe Gemeinde,

Wo ist solch ein Gott, wie du bist! Der Prophet Micha muss staunend und anbetend ausrufen, wovon sein Herz erfüllt ist: Keiner ist wie der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!

Unvergleichlich, einzig ist dieser Gott Israels.

Kennen wir diesen Gott? Teilen wir dieses Staunen, diesen Ausruf anbetender Beugung vor ihm? Micha lässt es nicht kalt, was er von Gott erfahren und mit ihm erlebt hat.

750 Jahre vor Christus wirkt dieser Prophet in Israel und Samaria. Er hat das Gericht Gottes anzusagen über sein Volk. Es will nur Segen, Wohlstand, Sicherheit. Aber keinen Gehorsam. Es will Religion, Kultus und Tempelbetrieb, aber es will nicht hören was Gott will:

Gottes Wort halten. Liebe üben. Demütig sein vor dem lebendigen Gott. Das wollten die Menschen nicht mehr. Es ging darum, Wohlstand zu mehren, ein Großer zu werden, der die Kleinen an die Wand spielt. Mehr Macht als andere. Mehr Geld als andere. Mehr Grundbesitz als andere.

Gottes Wille und Gottes Wort waren vergessen. Gericht kommt! Das sagte Micha. Und er hat es wohl noch miterlebt: Das Nordreich Israel mit seiner prächtigen Hauptstadt Samaria wurde erobert und zerstört von der Großmacht Assyriens. Die Bewohner wurden weggeführt, umgesiedelt. Irgendwohin. Ende. Aus.

Gericht kommt! Und es kam, liebe Gemeinde. Aber das war nicht das Ende, das Micha schauen durfte. Wir sehen jetzt im Sommer manchmal hinter den Gewitterwolken wieder ein Stück hellen Himmel kommen. Ein Lichtband, die Farbe blau hinter den bleischwarzen Wolkentürmen. So sieht Micha hinter den Unheil regnenden Gerichtswolken eine Zeit des Heils kommen.

Die Völkerwelt wird nach Jerusalem pilgern nicht um zu erobern, sondern um auf Gott hören. Das sieht er kommen. Die Reiche, die auf Macht und Gewalt aufgebaut sind, müssen vergehen. Das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit kommt. Schwerter werden zu Pflugscharen. In Bethlehem wird er zur Welt kommen, der Friedefürst, dessen Ursprung von Ewigkeit her gewesen ist. Das sieht Micha kommen.

Das darf er schauen in den Tagen, als das Gericht Gottes beginnt. Micha sieht die Verderbtheit der Menschen, sieht das Gericht kommen. Aber dahinter etwas Neues. Und das sind die letzten Worte, die er anbetend, bewegt und betroffen ausspricht: Wo ist solch ein Gott, wie du bist. Treue hältst du deinem Volk. Gnade werden finden, die nach dir fragen. Trotz allem.

Denn du liebst es, gnädig zu sein. Du vergibst Schuld. Deinen Zorn lässt du wieder fahren. Ewig ist sind deine Treue und Gnade. Nicht dein Zorn. Mit unserer Sünde wirst du fertig. Du entsorgst, was gegen uns spricht in der Tiefe des Meeres. Gebunden bist du nur an dein eigenes Versprechen: für uns zu sein.

Kennen wir Gott? Wer ihn kennt, der muss hingerissen sein von seinem Wesen. Der kann nur anbeten und staunen.

Kennen wir diesen Gott? Oder anders gefragt: Kannte der verlorene Sohn seinen Vater? Kannte der Sohn seinen Vater, der daheim und fleißig geblieben war? Jesus erzählt uns diese Geschichte, die zu dem Wunderbarsten gehört, was wir haben. Der verlorene Sohn. Welcher ist der verlorene Sohn?

Welcher kannte den Vater, kannte sein Herz? Sind am Ende nicht beide überrascht, beide Söhne, darüber, wie sie den Vater erleben?

Der eine folgte dem Gedanken, den wir alle kennen: weit weg von Gott und seinen Regeln, da blüht das Leben, da ist Spaß und Freude und Erfüllung. Ausleben, Party machen, deine Zeit genießen. Nimm, was du kiregst. Er landet im Elend. Bei den Schweinen. Leer, schuldig, schmutzig und am Verhungern.

Womit rechnet er bei seiner Heimkehr? Mit einer Strafpredigt? Mit einem: Daran hast du selbst Schuld. Oder mit einer zweiten Chance auf Bewährung: nun gut, ich stelle dich als Arbeiter ein. Benimm dich aber jetzt oder du fliegst endgültig raus!

Er kannte den Vater nicht! Der rennt ihm entgegen. Nimmt den Schmutzfinken in die Arme, im Herzen hatte er in immer schon – und lässt ein Fest vorbereiten! Freude im Himmel, wo einer umkehrt zu Gott. Er liebt es, gnädig zu sein. Die ganze Schuld, der ganze Schmutz, weg damit. In den Armen des Vaters lernt der Sünder, wie Gott ist. Damit konnte er nicht rechnen. Damit durfte er nicht rechnen. Dagegen sprach zu viel. Das hatte er nicht verdient – Mein Sohn war verloren – er ist wieder da! Kommt zum Fest!

Und der andere Sohn: kannte denn der den Vater wirklich? Lebte er nicht in der falschen Vorstellung, er sei beim Vater ein Arbeiter? War er nicht gefangen in dem Denken: du bekommst hier, was du verdienst! Ich bin der Sohn des Vaters, weil ich gehorsam und fleißig bin. Ich trage den Ring des Erben an der Hand, weil ich das verdiene. Der Vater ist gerecht. Jeder bekommt, was er verdient. ER hatte nie gewagt, um ein Fest für sich und seine Freunde zu bitten. Dienst nach Vorschrift. Rechtschaffenheit. Dass der Vater ihm gerne was geschenkt hätte, hätte er nur drum gebeten, das erfährt er erst jetzt. Dass er in einem Liebes- und in keinem Dienstverhältnis zu Hause ist, das war ihm gar nicht klar.

Darum feiert er nicht mit! Das ist ungerecht. Ja, das stimmt. Gnade ist ungerecht. Das ist unerhört! Ja, das stimmt. Gnade ist unerhört. Ich will gar keine Gnade haben! Ich will, dass der da bekommt, was er verdient, und ich will das, was ich verdiene!

Welche Armut der Gotteserkenntnis wird hier deutlich. Welcher Sohn kannte den Vater? Welcher Sohn bin ich? Wie denke ich über Gott?

Denke ich noch immer: weit weg von ihm und seinen Regeln liegt das wahre Leben? Habe ich noch genug Geld, um mir das leisten zu können? Bin ich am Ende angelangt? Nagt der Hunger in mir? Bin ich zu stolz, um umzukehren und Gnade zu empfangen? Habe ich Angst vor Gott?

Oder halte ich fest an dem System: jeder bekommt, was er verdient. Kann ich Gott respektieren als oberste intanz von Recht und Gerechtigkeit, aber nicht lieben, weil dieses Denken mich fertig macht? Kann ich denen vergeben, die an mir schuldig werden? Kann ich mir selbst vergeben? Mich mitfreuen, wenn jemand Gnade empfängt, unverdient?

Was Micha in der Ferne schauen durfte, das sehen wir: Jesus ist der Friedefürst. Geboren in Bethlehem. Sünde zu tragen, das war sein Auftrag. ER ist angetreten, gegen unsere Feinde zu kämpfen und sie unter die Füße zu treten. Der Kampf war schwer und hart. Im Sterben an diesem Kreuz hat er gesiegt: Es ist vollbracht. Das Recht Gottes ist durchgesetzt. Und Gnade für alle, die sie wollen, strömt aus seinem Herzen. Das Gericht, den so gerechten Zorn Gottes über so viel Unrecht und Bosheit und Schmutz: Jesus hat es erlitten. An unserer Stelle.

Kennen wir Gott? Schaut auf zu diesem Kreuz! Und entdeckt sein liebendes Vaterherz. Amen.