Predigt von Pfr.Grauer

Invokavit III: Joh 13, 21-30: Ein Bissen Brot

21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er im Innersten erschüttert und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? 26 Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.


Liebe Gemeinde,

ein Bissen Brot – was ist das schon? Im Durchschnitt kauft jeder Deutsche pro Jahr gut 21 Kg Brot ein. Ein Bissen fällt da nicht ins Gewicht. Dieser Bissen Brot aber hat es in sich. Er gibt den letzten Anstoß für einen schrecklichen Weg.

Welche Bedeutung hat dieser Bissen Brot beim letzten Mahl, das Jesus mit seinen 12 Jüngern eingenommen hat?

Machen wir uns die Situation klar: Jesus ist zum Passafest nach Jerusalem gekommen. Eine große Menge des Volkes glaubt ihm, feiert ihn als den Messias, den kommenden König. Aber Jesus hat Feinde bei den Mächtigen. Der Hohe Rat, die jüdische Regierung sozusagen, und die Tempelaristokratie glaubt ihm nicht. Diese mächtigen Gegner halten ihn für einen Scharlatan, wollen seinen Tod, finden aber keine Gelegenheit Jesus zu ergreifen, ohne dass ein Volksaufstand drohte.

Judas, einer der Zwölf, die Jesus ausgewählt hatte zum engsten Jüngerkreis, hatte Kontakt zu den Feinden aufgenommen und einen Preis vereinbart. Einen Preis dafür, dass er ihnen Jesus unauffällig in die Hände spielt. Eine Gelegenheit bietet, ihn heimlich zu verhaften.

Dann der letzte Abend mit den 12 Jüngern. Jesus wäscht seinen Schülern die Füße, tut die Arbeit des Dieners. Diese Szene geht unserem Abschnitt unmittelbar voraus.

Was bedeutet dieser Bissen Brot?

1 Er bedeutet Entlarvung

Dann wird Jesus im Geist erschüttert und bewegt von der Klarheit: Einer von euch – einer von euch Zwölf, denen ich ganz vertraut habe, wird mich an die Feinde verraten und ausliefern.

Die ganze Tischgesellschaft ist nun erschüttert und erregt. Wer von uns würde so etwas tun?!

Leonardo Da Vinci hat in seinem berühmten Gemälde diese Szene festgehalten, wie die Aufregung um den Tisch herum läuft. In Dreiergruppen sind die 12 angeordnet. Rechts von Jesus sitzen Johannes, Judas und Petrus. Der Maler hat den Text genau gelesen. Was dort steht, bildet er ab: Petrus beugt sich zu Johannes hinüber, der liegt an der Brust des Herrn, ihm ganz nah also, und fordert ihn auf: „Frage doch den Meister, wer ihn verrät!“ Johannes beugt sich daraufhin zu Jesus und fragt. Und der antwortet, ohne dass es die andern hören: „Der ist´s, dem ich den Bissen Brot eintauche und gebe.“ Die anderen Jünger haben von diesem Flüstern am Ohr wohl nichts mitbekommen.

Und dann bricht Jesus ein Stück Brot ab, taucht es ein und gibt es Judas in den Mund. Wie wird Jesus ihn dabei angesehen haben!

In diesem Augenblick erkennt Judas: „Er weiß alles! Er weiß um meine heimlichen Treffen mit den Feinden. Er weiß, dass ich ihn nicht mehr lieb habe, sondern verachte. Er weiß um meine Gedanken, er weiß um meinen Verrat, er weiß alles!“ Judas ist in diesem Moment entlarvt.

Liebe Gemeinde, wie tröstlich ist das Wort aus Jesu Mund: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage“. Aber haben wir auch schon den fürchterlichen Ernst dieses Wortes erkannt? Dass wir unser Leben führen unter seinen Augen, in jedem Augenblick!?

Kennen wir dieses Erschrecken, diese Erkenntnis, so klar und kalt wie ein Wintermorgen, wenn alle Nebel verflogen sind: Er weiß alles von mir!?

In einem Roman wird aus einem Spaß tödlicher Ernst. Jemand hatte anonyme Brief an angesehene Persönlichkeiten der kleinen Stadt geschickt mit folgendem Sätzlein: „Ich weiß alles von Ihnen!“ Nur das. Daraufhin kam es zu einer Serie von Selbstmorden.

Er weiß alles von mir, mehr als wir selbst von uns wissen. Die Tiefenpsychologie hat unser Unterbewusstes erforscht, jene Abgründe, die uns selbst nicht einsichtig sind. Die Bibel weiß darum. „Wer kann das Herz ergründen?“ Und dann geht es weiter: „Ich, der Herr, kann das Herz ergründen!“

Vor Jesus sind wir entlarvt. Er sieht, dass keiner von uns vor Gott bestehen kann, dass niemand vor ihm gerecht ist aus sich selbst. Eben darum hat er uns einen neuen Weg eröffnet, dass wir mit unserem verdorbenen Herzen dennoch Gottes Kinder werden können. Jesus sieht klar, aber er kommt nicht uns zu richten, sondern zu retten! Er lässt sich für uns kreuzigen. Und er lässt verkündigen und ausrufen: „Hier ist Gnade für alle mit ihren dunklen Geheimnissen“! Hier ist Gnade für Sünder!“ Wer an den gekreuzigten Gottessohn glaubt, der wird vor Gott gerecht.

Was bedeutet dieser Bissen Brot?

2. Er bedeutet Liebe

Damals fiel es weiter nicht auf, dass Jesus einem bei Tisch einen Bissen in den Mund legte. Bei uns wäre das schon komisch, oder? Muss Jesus hier einen füttern wie ein Kleinkind? Es ist eine Sitte im Orient, die dort noch heute zu finden ist: Wenn der Gastgeber einem Gast einen Bissen direkt in den Mund gibt, dann ist das eine große Sache: Damit bringt der Höhergestellte dem Gast seine Liebe und Verehrung zum Ausdruck. Bsp: Josef in Ägypten, er lädt unerkannt die Brüder ein zum Gastmahl, der Benjamin, sein leiblicher Bruder von der Mutter Rahel, bekommt von seinem eigenen Teller etwas ab! Eine Ehrbezeugung. Ein Liebeserweis.

Mit diesem Bissen tut Jesus also auch das: In dem Moment, wo er dem Judas klar macht: Ich weiß um deinen Verrat, da gibt er ihm ein Zeichen seiner Liebe.

Judas wird sich erinnert haben: Bei der Speisung der 5000 hungrigen Zuhörer über dem See Genezareth, an das Austeilen des Brotes - das auch durch seine Hände ging. An die Brotpredigt, in der Jesus sagte: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Bedeutungsschwere Geste also, das Brotbrechen und -- austeilen.

War Judas dabei beim Abendmahl selbst? Die Berichte geben hier keine zweifelsfreie Klarheit her. Aber ich halte es für sehr wahrscheinlich. Jesus schloss ihn nicht aus bei den Worten: „Das ist mein Leib, nehmt und esst, für euch hingegeben.“

Nun noch ein Privatabendmahl aus Jesu Hand für Judas, dessen Herz an der Schwelle zu einer so großen Sünde stand.

Eine Offenbarung der Liebe Jesu, wie sie größer nicht sein kann. Jesus ist erschüttert und bewegt. Er bringt seine Liebe zum Ausdruck in diesem Bissen. Kennen wir diese Liebe zum Verlorenen? In demselben Moment, in dem uns klar wird, er weiß alles über mich, in demselben Moment werden wir von der Liebe Christi überwältigt, die sich für uns hingibt. Wer das schon gespürt hat, kann nicht anders als anzubeten: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.“ Es ist die Liebe Jesu zu uns Sündern, die unser Herz überwindet.

Gerade auf diesem Höhepunkt der Werbung um sein Herz sagt Judas innerlich: Nein! Da fuhr der Satan in ihn.

Warum schweigt die Bibel über sein Motiv? Vielleicht gibt uns der unmittelbare Zusammenhang einen Hinweis: Voran geht die Fußwaschung durch den Meister. Eine Demonstration seiner demütigen Liebe. Eine Demonstration: Gottes Reich ist ein Reich der Liebe, wo man sich selbst aufgibt und liebt. So ist die Liebe Jesu, die wir empfangen dürfen, dazu sollen auch wir uns bewegen, sollen sie so weitergeben. Und dazu sagt Judas und das moderne Herz: Nein! Ich will meine Welt. wo ich recht habe, wo ich mich durchsetzen mich verwirklichen. Eine Welt, wo das ich auf dem Thron, in der Mitte sitzt, und nicht in den Tod gegeben wird.

Was bedeutet dieser Bissen Brot?

3. Er bedeutet einen Scheideweg

Am Scheideweg stehen wir Menschen manches Mal. Welchen Weg wähle ich. Ich kann nur einen gehen. Judas stand vor der großen Entscheidung. Er wählte. Seinen eigenen, dunklen unerlösten Weg. Hier ruft und wirbt der Heiland, der Retter, dort die Welt und unser Eigenwille – und der Versucher. Wem werden wir folgen?

Judas wählt. Und zwei Konsequenzen benennt Gottes Wort, in aller Kürze. Erstens: Der Satan fuhr in ihn. Judas wird zum Werkzeug des Bösen. Fallen die tief, die ganz nahe am Reich Gottes waren? Ich war erschüttert zu erfahren, dass Josef Stalin, Diktator der Sowjetunion, der Millionen von Menschenleben auslöschte, eigentlich Priester werden wollte. Er war schon Schüler des Priesterseminars, als er vom Glauben abfiel.

Zweitens: Er ging hinaus. Und es war Nacht. Wer das Licht der Welt nicht will, der muss in die Nacht hinaus.

Ein Bissen Brot, bedeutungsschwer: Er weiß alles über mich. Dennoch liebt er mich. Er ruft zur Entscheidung. Wir wählen das Licht. Amen.