Predigt vom Sonntag 21. März 2021 Judika von Pfr. Schmauder aus Holzelfingen

21. März 2021  Sonntag Judica

Pfarrer Sebastian Schmauder

Die Dornenkrone


Predigttext: Matthäus 27,27-30

Täglich passieren Verkehrsunfälle. In den vergangenen Jahren waren es über 2,5 Mio Unfälle, davon über 300.000 mit Personenschäden. Manche da-von gehen einem nach, weil sie ziemlich heftig sind.
Aber es macht noch einmal einen Unterschied, wenn ich daran beteilig bin. Ich muss dabei an meine Mutter denken. Sie hatte einmal ein Kind angefah-ren. Dem Kind ist – Gott sei‘s gedankt, nichts weiter passiert. Sie war formal nicht schuld. Und doch hat sie noch Jahre später von diesem Unfall erzählt. Es sind täglich viele andere viel grausamere Unfälle passiert, aber der eine ging ihr nach, weil sie sagte: Das ist MIR passiert.
„Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single.“ Ob das nun wirklich stimmt, sei dahingestellt. Aber es sind doch nicht die vielen, sich verliebenden Singles, an denen ich mich freue. Es ist die eine, die ich finde und mit der ich mein Leben teile, die mein Leben besonders macht. Die andern sind mir ziemlich schnuppe, wichtig ist doch, was MIR passiert.
So ist auch die Passionsgeschichte nur eine Meldung in der Zeitgeschichte, wenn wir sie nicht vor den beiden wichtigen Worten verstehen. Die sind: „FÜR MICH!“ Was hat die Passionsgeschichte mit MIR zu tun?
So ist auch die Dornenkrone nur ein interessantes Stückchen. Wenn wir aber fragen, was ist sie „für mich?“, dann hat sie uns einiges zu sagen. So fragen wir: Was ist die Dornenkrone mir?
Wenn wir bedenken, dass Jesus aus der Herrlichkeit kommt, umso mehr werden wir staunen, wie er sich erniedrigt hat.
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Da führt man Jesus ins Prätorium. Er wird zum Spott der ganzen Kohorte. Ob nun wirklich alle 600 Soldaten der Kohorte dagewesen sind, wissen wir nicht. Aber auf jeden Fall eine große Menge. Der erste der Soldaten hängt Je-sus einen Purpurmantel um. Und ins allgemeine Gelächter hinein ruft ein weiterer: „Habt ihr nicht gehört, er behauptet ein König zu sein! Ein König braucht doch eine Krone.“ Und schnell ist mit Disteln und Dornen eine Krone geflochten, die man ihm mit einem Rohr auf den Kopf schlägt.
1. Er trägt die Krone wegen mir
Hier triumphieren die starken und rohen Legionäre darüber, dass Jesus Christus scheinbar so niedrig und schwach ist. Als sie den Gefangenen in das Richthaus führten, fühlten sie, dass er völlig in ihrer Macht sei. Seine Ansprü-che auf den Titel eines Königs scheinen ihnen so lächerlich, dass sie nur Spott für ihn übrig haben. Soll dieser erbärmliche Mann etwa über die Juden, gar über die ganze Menschheit herrschen?
Hätten die Soldaten nur beabsichtigt, ihn zu verspotten, hätten sie ihm ja nur einen Strohkranz binden können. Aber sie wollten ihm Wunden zufügen. Und deshalb krönten sie ihn mit einer Dornenkrone.
Spurgeon sagt es so:
„Sie hatten ihn gegeißelt, bis wahrscheinlich außer seinem Haupte kein Teil an seinem Körper war, der nicht blutete – und nun muss auch dieses heilige Haupt bluten. […] Kein Teil unsrer Menschheit war ohne Sünde, deshalb durfte kein Teil seiner menschlichen Person ohne Leiden blei-ben. Wären wir in irgend einem Maße schuldenfrei gewesen, so wäre Er vielleicht von Schmerzen befreit geblieben, da wir aber das schmutzige Sündenkleid getragen hatten, das uns vom Kopf bis zu den Füßen be-deckte, musste Er von der Krone seines Hauptes an bis zu seiner Fuß-sohle die Gewänder der Schande und der Verachtung tragen.“1
1 C. H. Spurgeon: Zwölf Predigten über das Leiden und Sterben unsers Herrn und Heilandes Jesus Christus. Der Heiland mit der Dornenkrone, Hamburg – Borgfelde 1898. Neu bearbeitet und hgg
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Die Soldaten sind Leute, die Jesus seine gerechten Ansprüche streitig machen. Er ist der König. Er ist der Sohn Gottes. Ihm gehört die Macht. Ihm gehört mein Leben. Ihm gehört diese Welt. Bis heute gilt: Wer ihm diese Ansprüche streitig macht, der setzt ihm wieder eine Dornenkrone auf.
Noch eines wird an dem Verhalten der Soldaten deutlich: Die Soldaten geben vor, ihn zu verehren, aber tun es nur heuchlerisch. Sie setzen Jesus eine Dor-nenkrone aufs Haupt. Sie wissen aber nicht, und glauben es nicht, dass er ein König ist. Sie geben Ihm wohl ein Zepter in die Hand, es war aber kein fester Elfenbeinstab, durch welchen wirkliche Macht bezeichnet wird, sondern ein schwaches, zerbrechliches Rohr. Sie knien vor ihm nieder, aber das kommt nicht von Herzen. Sie sagen ihm mit ihren Lippen huldigende und fromme Worte, aber sie meinen sie nicht ernst.
So wird Jesus durch unaufrichtige Bekenner verspottet. Bis heute.
Wer betet „dein Reich komme“ und „ dein ist die Macht“ aber sonst nicht nach Gottes Willen fragt, der drückt Jesus nur ein zerbrechliches Rohr als Zepter in die Hand. Wer in der Kirche andächtig in der Bankreihe stehen bleibt und währenddessen mit dem Kopf beim Mittagessen, beim Gespräch mit dem Arbeitskollegen ist, der ist kein bisschen besser als die herzlosen Soldaten. Wer artig im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis aufsagt, und Gott nicht mit ungeteiltem Herzen liebt, der setzt Jesus wieder eine Dornen-krone auf.
Spurgeon:
„Ist Er Gott, so diene Ihm; ist Er der König, so gehorche Ihm; ist Er dir keiner von beiden, so bekenne nicht, ein Christ zu sein. Sei ehrlich; bringe Ihm keine Krone, wenn du Ihn nicht als König anerkennst.“2
von Thomas Karker, Bremen4/2016, S. 49 (https://info1.sermon-online.com/german/CharlesHad-donSpurgeon/Zwoelf_Predigten_Ueber_Das_Leiden_Und_Sterben_Unsers_Herrn_Und_Heilandes_Je-sus_Christus_1898.pdf).
2 Spurgeon, a.a.O., S. 50.
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Aber bevor wir uns jetzt gelassen zurücklehnen und sagen: „Das sind ja die anderen. Ich meine es ja aufrichtig und anerkenne ihn als König.“
Es ist ein Zeichen reifen Christseins, dass wir bei aller Aufrichtigkeit und Mühe mehr und mehr merken, wie wir dem Anspruch Gottes nicht genügen und so dringend seine Gnade brauchen.
Da nehme ich mir vor zu beten, und meine Gedanken schweifen ab. Da will ich Gott loben, meinem nächsten verzeihen, aufrichtig leben, wahrhaftig sein. Wir wollen es tun, und merken, wie wir kläglich scheitern.
Jesus sagt es einmal so:
Mt 15,19: Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Un-zucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung.
Das Böse beginnt lange schon, bevor es zur Tat wird. Die Worte, die nie aus-gesprochen wurden, aber im Kopf schon so präzise formuliert waren. Die Gedanken, die im Zorn sich angestaut hatten. Das sammelt sich an und ist die Dornenkrone.
„Ich selbst hab es verschuldet, was du getragen hast.“
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2. Er trägt die Krone für mich
Traurig müssen wir resignieren, wenn Jesus diese Krone nur wegen mir trägt. Er trägt sie auch für mich.
Nicht nur die Soldatenknechte sind meine Stellvertreter, auch Jesus ist mein Stellvertreter.
Schlagen Sie mit mir die ersten Seiten der Bibel auf. Dort im Paradies, als Eva und Adam die Frucht gegessen haben, ist die Sünde in die Welt gekommen. Und das Fluchwort über die ersten Menschen und die ganze Schöpfung war:
Gen 3,17f „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen.“
Das sichtbare Zeichen für die Sünde in der Welt sind die Dornen und Disteln. Bei der ersten Sünde der Menschheit ist unmittelbar danach von Dornen und Disteln die Rede.
Und wenn wir jetzt davon lesen, dass Jesus die Dornen- und Distelkrone auf-gesetzt bekommt, dann heißt das auch, dass unser Herr die Sündenkrone der ganzen Welt, auch meine, sich aufs Haupt setzen lässt. Er trägt die Sünde.
Sehen Sie, welch eine Liebe und Barmherzigkeit darin steckt, dass Jesus die Dornenkrone, meine Dornenkrone trägt! Und ich kann mich an den Vers klammern:
Rö 8,1: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“
Ich muss dabei an das Gespräch denken, das Pilatus unmittelbar vorher mit Jesus führt. Pilatus hatte gespürt, dass an dem Mann, der vor ihm stand, et-was Besonderes ist. Inmitten der erbärmlichen Umstände, inmitten des jam-mervollen Zustands spürt er, dass dieser Mensch etwas Majestätisches hat. Aber er kriegt beides nicht zusammen. Und so fragt er Jesus:
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„So bist du dennoch ein König?“
Jesus antwortet ihm:
„Ich bin ein König!“
Ja, Jesus ist ein König. Aber ein ganz anderer, als Pilatus es erwartet hat.
Pilatus hatte das nicht verstanden: Jesus ist kein König, der mit Waffenge-walt die Feinde niederdrückt. Jesus ist ein König im Reich der Liebe Gottes, voller Gnade und Barmherzigkeit. Kein Tyrann, der sich den Lorbeerkranz aufsetzt und seinen Untertanen auf den Kopf hat, sondern ein König, der die Dornenkrone für seine Leute, seine Gemeine trägt, weil du und ich sie gar nicht tragen könnten.
Dabei denke ich an uns, die wir unter körperlichen Schmerzen so leicht zum Klagen geneigt sind. Oder die wir so schnell die Umstände und unser Befin-den darin bedauern. Es wäre noch viel, viel größer, hätte Jesus nicht die Dor-nenkrone getragen. An der Dornenkrone sehe ich, dass es noch schlimmer sein könnte und will lernen, dass ich aufhöre, mich ständig zu beschweren.
Oder ich denke an die, die verbissen arbeiten, sich ständig sorgen, sich quä-len, die sich selber „Dornenkronen“ binden und aufsetzen. „Alles muss per-fekt sein“, lautet eine solche Dornenkrone. „Alles für die Gesundheit“, heißt die andere. Oder: „Ich muss da alleine durch!“
Diese selbstgeflochtenen Dornenkronen rauben uns die Freude.
Ich will lernen zu sagen: „Mein Herr hat meine Dornenkrone für mich getra-gen – wozu sollte ich sie noch tragen?“ Er nahm auf sich unsre Schmerzen, damit wir ein glückliches Volk sein sollen.
Darum: werfe ich alle meine Sorge auf ihn, der für mich sorgt meine Dornen-krone trägt. Deshalb ist die Dornenkrone auf Jesu Haupt die Krone für mich.
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3. Er trägt die Krone für immer
So manche Krone in dieser Welt ist schon gefallen. Kein King, keine Queen, kein Cäser, kein Roi soleil, kein König dieser Erde bleibt für immer. Wie an-ders ist es mit der Krone unseres Herrn, die dauert ewig.
Hier wird einmal wahr werden, was in Phil 2 verheißen ist:
Phil 2,10: in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist.
Und im Hebräerbrief heißt es:
Heb 2,9: Jesus, sehen wir durch das Leiden des Todes „gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre“, auf dass er durch Gottes Gnade für alle den Tod schmeckte.
Die Krone, die unser Herr trägt, ist eine ewige und herrliche Krone. Aber es wird noch besser. Wir lesen davon, dass Nachfolger Jesu diese ewige Krone aufgesetzt bekommen:
1Pet 5,4:
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
2Tim 4,8:
hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir al-lein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.
Der Lohn der Nachfolge ist, dass uns Jesus mit der unvergängliche Krone der Herrlichkeit krönt.
Für heute gilt freilich noch: Sie ist nicht aus Gold gearbeitet, sondern aus Holz geflochten. Nicht mit Edelsteinen geschmückt, sondern mit Dornen
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besetzt. Sie gleicht der Dornenkrone. Eine andere Krone können wir nicht erwarten.
Das Material, mit dem er krönen will, ist dornig. Aber unter seinen Händen verwandelt es sich zum unvergleichlichen Schmuck. So kommt es, dass un-sere Niederlagen und Enttäuschungen und Rückschläge, die wir erleben, gol-denes Material der Krone werden. Nichts ist so dornig, als dass es nicht zum goldenen Material werden könnte.
Aber: Die Wandlung der Dornen in die Krone der Herrlichkeit, die ewig ist, ist uns versprochen.
Darum will ich zur Dornenkrone Jesu fliehen, so wie die kleinen Vögel in den Dornenhecken nisten.
Kleine Vögel nisten gerne in Dornenhecken. Weshalb tun sie das inmitten von tausend Stacheln und Dornen? Sie tun es deshalb, weil die Dornen ihnen Schutz gewähren und vor Angreifern bewahren.
So ist es mit der Dornenkrone von Jesus. Bauen Sie Ihr „Nest“ innerhalb der Dornen Christi. Es ist ein sicherer Platz für Sünder. Nicht Selbstanklage, nicht Satan, nicht Tod kommen dahin. Es gibt keinen sichereren Ruheplatz.
Amen.