Reminiszere III; 28.2.2021. Die Stangen, Mt

Und als er noch redete, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schart mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes.



Liebe Gemeinde,


Tauchen wir ein in die Ereignisse jener Nacht. Jesus hatte das Passamahl mit seinen Schülern und Freunden gefeiert. Er hatte über dem Weinkelch und dem Brot diese neuen und unerhörten Worte gesprochen: „mein Blut, mein Leib, gegeben für euch! Tut das und denkt an mich!“


Im Dunkel der Nacht war er mit den Zwölf Jüngern über den Bach Kidron gegangen, hinauf an den Ölberg. Dort war ein Garten, Gethsemane genannt. In der Tat hat man dort antike Reste einer Olivenpresse gefunden. Unter Bäumen, mitten in der Nacht, da war es völlig dunkel. Für das Passafest wurde der Stadtbezirk Jerusalems eben dafür auf den Ölberg hinüber ausgeweitet, weil so viele Pilger in der Stadt waren. Und die Nacht des Passamahles sollten alle Pilger innerhalb der Stadt verbringen.

Aber nicht alle führte ihr Weg zu diesem Olivenhain. Judas ging zum Palast des Hohenpriesters. Wir können uns die Szene lebhaft vorstellen. Nachdem Judas am Tor Meldung gemacht hatte, erging dort ein Befehl: „Wachen, alle zusammenkommen!“ Und dann hörten die schlaftrunkenen Männer den Einsatzbefehl: „Ihr alle sollt mit, Jesus von Nazareth ist festzunehmen. Es kann gefährlich werden. Jesus hat viele Anhänger und auch große Macht. Bewaffnet euch also, so gut ihr könnt!“ Die einen, wohl echte Soldaten, hatten Schwerter. Die anderen suchten sich „Stangen“. So zog der Trupp bewaffnet hinter Judas her, der den Ort gut kannte, an den sich Jesus zurückgezogen hatte.

Mit Schwertern und Stangen bewaffnet erreicht der Trupp schließlich Gethsemane.


Was sind das für Stangen? Waren es Lanzen? Aber wenn wir in den griechischen Text schauen, steht dort nicht das Wort für Lanze oder Spieß. Sondern dort steht: xylos. Xylos heißt Holz. Wir kennen alle das Xylofon – das heißt schlicht klingendes Holz. Xylos. Sie nahmen Hölzer mit. Knüppel also. Keulen. Schlagstöcke.

Als müsste eine Horde wildgewordener Hooligans zurückgedrängt werden. Schwerter und Knüppel aus Holz - gegen Jesus.


1) Holz: Diese Szene vor Augen fragen wir uns: warum steht da das Wort für Holz. Xylos. Der Mensch und das Holz. Ein großes Thema. Auch im biblischen Gebrauch hat das Holz einen besonderen Klang. Ganz am Anfang setzt Gott den Adam in den Garten, nicht Gethsemane, sondern Eden hieß der. Und dort darf er essen von allen Bäumen. Aber nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Wenn du von diesem Holz, Xylos, isst, musst du sterben. Das Holz der Sünde. Der Fall des Menschen. Daran erinnert diese Szene. Der unerlöste Mensch, er wollte es besser wissen als Gott, und nun kommt er von der Macht des Bösen nicht mehr los. Das Geschöpf, das dem Schöpfer das Misstrauen erklärt hat, fried- und ruhelos geht es seither seinen Weg jenseits von Eden. Im Herzen die Sehnsucht nach Frieden und Schalom. Auf der Suche nach dem Paradies. Und doch findet er den Weg nicht mehr zurück. Der Baum des Lebens ist unerreichbar. Holz bringen sie mit, um die Liebe Gottes in Person zu verhaften. Bewegend!


Noch eine Stelle der Bibel verwendet dieses Wort Xylos: 5. Mose 27, 26: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!“ Der ist vor Gott und von Gott verworfen, der am Holz hängt. Am hölzernen Galgen. An einem Kreuz. Paulus deutet uns diese Stelle im Galaterbrief Kap. 3: Jesus hängt am Holz. Dort trägt er den Fluch des Gesetzes. Das Gesetz, der gute und heilige Wille Gottes wird dem zum Fluch, der es übertritt. Der wird schuldig. Den trifft der Fluch. Das von Gott verworfen sein. Die Trennung von Gott. Der empfängt den Lohn der Sünde: den Tod. Jesus trägt diesen Fluch des Gesetzes am Holz für uns. So befreit und rettet Gott seine verlorene Menschheit. „Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht“, so singen wir im Adventslied von Jochen Klepper. In diesem Trupp der mit Hölzern Bewaffneten steht die unerlöste Menschheit Jesus gegenüber: mit dem Verhängnis der Sünde – und gleichzeitig mit der Sehnsucht nach Erlösung vom Fluch, von der Gebundenheit an unsere Schuld. Zeichen für beides: das Holz


2) Zwei Welten

Hier treffen zwei Welten aufeinander: die Welt der Knüppelmänner hier, und drüben Jesus. Die alten Maler haben diese Knüppelmänner hässlich und grob dargestellt. Abstoßende Gestalten. Aber man hätte ihnen auch moderne Gesichter geben können, gepflegt, gebildet, gestylt, rasiert und gekämmt, geschminkt. Die Welt der Knüppel ist uns nicht so fremd. Die Welt, in der du dich durchsetzen musst. Zur Not eben mit Gewalt.

Es ist erschreckend, wie viele Milliarden die Menschheit jedes Jahr für Waffensysteme ausgibt.

Im Jahr 2019 fast 1, 9 Billionen Dollar! Allein die USA gaben davon 732 Milliarden aus. Die Welthungerhilfe berichtet, dass mit 40 – 50 Milliarden Dollar das Hungerproblem der Erde gelöst werden könnte. Wir haben heute Hightech-Knüppel.


Aber wir haben auch feinere Methoden. Wie spielen wir die an die Wand, die wir loswerden wollen!? Mit wohlgewählten Worten. Aber dann auch mit übler Nachrede. Persönliche Anwürfe und Herabsetzungen prägen die politische Auseinandersetzung zunehmend. Wir würdigen uns herab. Packen die Nazi-Keule aus – „hier könnte ein Nazi hängen“ war an einem Laternenpfosten zu lesen. Was für ein schreckliches Wahlplakat! – Das müsste alle Demokraten bis ins Mark alarmieren. Wir verlieren den Wettstreit der Argumente und machen uns nur noch zu unmöglichen Personen. Neben der Nazi-Keule gibt es auch die Moralkeule. Debatten über Gesetze und staatliche Ordnung können aber nicht mit der Moralkeule geführt werden. Wie auch immer, unsere Knüppel ersetzen nicht das aufeinander Hören und das Ringen um den besten Weg. Die Welt der Knüppel.


Und ihr gegenüber steht der Sohn Gottes. Mit ihm ist das herrliche Reich Gottes zu uns gekommen. Diese andere Welt. Darum ist hier alles anders. Willig lässt er sich binden und festnehmen. Jesus hatte sich doch eben in heißem Gebet durchgerungen und seinen Willen hingegeben - er will ja sterben – sterben auch für diese wilden Knüppelmänner. Er sieht doch ihre Not, wie sie gefangen sind in der Spirale der Gewalt, wie sie an sich selbst und ihre Schuld gebunden sind. Jetzt will er sie loskaufen. Hier, in der Welt von Jesus, regiert die Liebe. Die Liebe, die sich darin zeigt, dass der Gottessohn für uns stirbt, als wir noch Sünder waren! Teil der anderen Welt, in der geknüppelt wird.

Bei Jesus finden wir nicht den Knüppel, sondern die Liebe.


Es ist wohl so, dass wir uns entscheiden müssen, in welcher Welt wir leben möchten. Wir sehnen uns nach dieser Liebe, wir brauchen die Erlösung. Darum treten wir doch ganz und gar auf Christi Seite hin!

Wir halten uns doch ausnahmslos für friedfertige und freundliche Mitmenschen. Aber was geschieht, wenn unser gutes Recht angetastet wird. Wenn mir Unrecht getan wird. Dann kommt der Knüppel aus dem Sack!

Lasst uns unsere Knüppel wegwerfen und Menschen der Liebe werden. Bis hin zu der Konsequenz, die Paulus den Christen in Korinth schreibt: „Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen“. Beschämende Vorbilder sind hier auch die Christen im Irak, die Gewalt erleiden, aber keine Gewalt ausüben, sondern vergeben und Unrecht dulden. Vor 70 Jahren waren noch 3 % der irakischen Bevölkerung Christen. Heute sind es nur noch 0, 9 %. Demografie, Verfolgung, Vertreibung und die Greuel des IS haben das bewirkt. Und bis heute werden die Christen dort benachteiligt. Keine Knüppel mehr. Auf die Seite Christi treten. Und die Hoffnung lebendig halten auf ad kommende Reich Gottes.



3) Nutzlose Knüppel


Als die Aktion abgeschlossen war, kamen sich die Knüppelmänner doch ein wenig komisch vor. Sie legten die Knüppel bei Dienstschluss auf einen Haufen. „Wir haben sie überhaupt nicht gebraucht!“ Jesus war zum Leiden bereit. Die Dinger waren ganz und gar überflüssig gewesen.

Nun ja, wenn es nach Petrus gegangen wäre, dann nicht, dann hätte man sie gebraucht. Denn der schlug gleich mit dem Schwert drein. Aber es ging nicht nach Petrus, sondern es ging nach Jesus! Da kannst du deine Knüppel getrost wegwerfen.


Jesus zeigt sich hier als der Friedefürst. Er bringt Frieden in die Herzen und in die Häuser. Wer sich zu ihm hinwendet, der erfährt, dass er für all das gestorben ist, was mich persönlich von Gott trennt. Wo das erlebt wird, da kommt Frieden ins Herz.

Wir dürfen uns vor Gott entwaffnen lassen durch die Liebe Christi. Jesus tut uns keine Gewalt an. Niemals.

Aber er ruft mit Ernst in die Nachfolge, mit ihm den Weg des Friedens zu gehen. Amen.